Allein auf dem Camino Português da Costa – 10 Tage zwischen Atlantik, Freiheit und Gelassenheit Nachdem ich bereits den Camino del Norte gegangen war, wusste ich ziemlich genau, worauf ich mich beim Jakobsweg einlasse: lange Etappen, wechselhaftes Wetter, anspruchsvolle Höhenmeter und Tage, an denen man mehr mit sich selbst spricht als mit anderen Menschen. Genau deshalb wollte ich diesmal etwas anderes. Etwas Leichteres. Weniger Kampf, mehr Genuss. So fiel meine Wahl auf den Camino Português da Costa – die Küstenroute von Porto nach Santiago de Compostela.Und rückblickend war es genau die richtige Entscheidung. Ich bin den Weg alleine als Frau gegangen – in der Vorsaison, also noch bevor die große Pilgerwelle begann. Viele fragen mich seitdem: War das nicht gefährlich? Ehrlich gesagt: nein. Ich habe mich auf dem gesamten Weg erstaunlich sicher gefühlt. Gerade im Vergleich zu anderen Fernwanderungen oder auch Großstädten unterwegs empfand ich den Camino als sehr entspannt und freundlich. Die Menschen entlang der Route sind an Pilger gewöhnt, hilfsbereit und offen. Selbst an ruhigeren Tagen war ich selten wirklich alleine, denn früher oder später trifft man immer wieder andere Pilger.Die Vorsaison hatte für mich ohnehin viele Vorteile. Die Temperaturen waren angenehm zum Wandern, die Wege deutlich leerer und die Unterkünfte entspannter. Statt überfüllter Herbergen gab es oft ruhige Abende mit echten Gesprächen. Gleichzeitig hatte der Atlantik noch diese wilde, raue Stimmung, die perfekt zu dieser Route passt.Der Camino da Costa unterscheidet sich deutlich vom Camino del Norte. Während der Norte körperlich teilweise sehr fordernd ist und immer wieder mit steilen Anstiegen überrascht, ist die portugiesische Küstenroute wesentlich sanfter. Natürlich sammelt man auch hier Höhenmeter – besonders rund um Galicien wird das Profil welliger –, aber insgesamt bleibt der Weg moderat. Genau das machte ihn für mich so angenehm. Die Etappen waren gut machbar und oft zwischen 20 und 30 Kilometern lang. Das ist aber sehr sehr sportlich!!! Muss ich dazu sagen. Besonders schön fand ich, dass man fast permanent den Atlantik in der Nähe hat. Holzstege direkt am Meer, kleine Fischerdörfer, einsame Strände und diese unglaublichen Sonnenuntergänge machten den Weg fast meditativ. Gleichzeitig bietet die Route genug Infrastruktur, sodass man nie das Gefühl hat, völlig abgeschieden zu sein.Körperlich empfand ich den Camino da Costa als deutlich entspannter als den del Norte. Die Höhenmeter verteilen sich angenehmer, die Wege sind oft flach oder leicht hügelig, und viele Abschnitte verlaufen auf Holzwegen oder Promenaden. Trotzdem sollte man den Weg nicht unterschätzen: Zehn Tage mit täglichem Gepäck und langen Etappen spürt man definitiv in den Beinen. Vor allem Wind und Wetter an der Küste können Kräfte kosten. Gerade in der Vorsaison können Regen, feuchte Luft und starker Gegenwind herausfordernd werden. Was mich aber am meisten überrascht hat, war dieses Gefühl von Freiheit. Alleine unterwegs zu sein bedeutete nicht Einsamkeit – sondern Selbstbestimmung. Ich konnte spontan entscheiden, länger am Strand zu bleiben, früher anzuhalten oder noch einen Kaffee in einem kleinen portugiesischen Café zu trinken. Niemand wartete, niemand drängte. Als Frau alleine zu reisen hat für mich auf dem Camino sogar etwas sehr Stärkendes gehabt. Man lernt schnell, auf sich selbst zu vertrauen. Gleichzeitig entsteht auf dem Jakobsweg eine besondere Gemeinschaft. Man erkennt sich gegenseitig sofort – am Rucksack, am müden Blick am Morgen oder an den staubigen Schuhen. Und genau dadurch fühlt man sich selten wirklich allein. Der Camino Português da Costa war für mich die perfekte Mischung aus Bewegung, Ruhe und Leichtigkeit. Nach dem anspruchsvolleren Camino del Norte war diese Route genau das, was ich gesucht hatte: weniger Extrem, mehr Genuss – aber trotzdem mit diesem ganz besonderen Camino-Gefühl, das süchtig macht. Und vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Reise: Man muss nicht immer den schwersten Weg wählen, damit er bedeutungsvoll wird.