Es gibt Dinge, die erfährt man als Führungskraft einfach.
Budgetkürzungen.
Neue Prozesse.
Dass der Kaffeeautomat schon wieder kaputt ist.
Und dann gibt es Dinge, die erfährt man… eher zufällig.
Es gibt in Unternehmen eine Kommunikationsform, die bis heute wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht wurde. Sie trägt den wunderschönen Namen: „Wir haben doch darüber gesprochen.“ Das Faszinierende daran ist, dass dieses Gespräch erstaunlich häufig niemals mit den Personen stattgefunden hat, die später die Verantwortung tragen sollen. Stattdessen existiert es offenbar in einer Art Paralleluniversum, in dem Informationen zuverlässig weitergegeben werden, Entscheidungen logisch getroffen werden und jeder genau weiß, was der andere gesagt hat. Dieses Universum scheint allerdings nicht mit meinem Kalender synchronisiert zu sein.
So begann auch die Geschichte von Jamie.
Jamie war unser Auszubildender. Ein sympathischer Kerl, motiviert, höflich und mit einer beneidenswerten Gelassenheit, die vermutlich nur Menschen besitzen, die noch keine einzige Budgetplanung verantworten mussten. Er war ein bisschen wie ein junger Labrador: neugierig, freundlich und überzeugt davon, dass sich das Leben schon irgendwie regeln wird. Ehrlicherweise war das nicht einmal seine Schuld. Wenn man jungen Menschen lange genug vermittelt, dass sie der Mittelpunkt sämtlicher Ausbildungsprogramme sind, glauben sie das irgendwann tatsächlich.
Ein paar Monate vor seiner Abschlussprüfung fragte mich unser Ausbildungsleiter ganz beiläufig, wie ich Jamie einschätzen würde. Ich antwortete ehrlich. Fachlich sei er durchaus talentiert, sagte ich. Allerdings gäbe es da noch diese kleinen Herausforderungen des Berufslebens. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass Deadlines keine unverbindlichen Dekorationsvorschläge sind und der Satz „Ich dachte, das macht jemand anderes“ sich nur selten als langfristige Unternehmensstrategie eignet. Der Ausbildungsleiter nickte verständnisvoll und stellte anschließend die entscheidende Frage: Ob ich mir vorstellen könne, Jamie nach seiner Ausbildung zu übernehmen.
Ich sagte: „Ja.“ Dann machte ich bewusst eine Pause und ergänzte: „Zusätzlich.“ Noch eine Pause. „Nicht anstelle der offenen Stelle. Zusätzlich.“ In meinem Kopf war die Sache damit eindeutig geklärt. Offenbar sprach ich fließend Deutsch. Mein Gegenüber verstand allerdings ausschließlich das Wort „Ja“. Alles dahinter muss irgendwo zwischen Ohr und Gehirn verloren gegangen sein. Vielleicht gibt es in manchen Unternehmen einen automatischen Übersetzungsfilter, der Nebensätze mit finanziellen Konsequenzen einfach ausblendet.
Einige Monate später saß ich in einer Besprechung mit unserem neuen Vorstand. Neue Vorstände erkennt man übrigens daran, dass sie innerhalb der ersten Woche sämtliche Prozesse hinterfragen, Organigramme verschieben und Sätze sagen wie: „Da müssen wir komplett neu denken.“ Am dritten Tag wissen sie zwar noch nicht, wo die Kaffeemaschine steht, haben aber bereits eine Vision für die nächsten fünf Jahre.
Mitten in dieser Besprechung fiel plötzlich ein Satz, der mich kurz an meiner eigenen Erinnerung zweifeln ließ. „Wenn Jamie dann im Marketing ist …“, sagte der Vorstand völlig selbstverständlich und sprach weiter, als hätte er gerade angekündigt, dass morgen Regen vorhergesagt sei. Ich hob langsam den Kopf und schaute in die Runde. Niemand wirkte überrascht. Niemand fragte nach. Niemand schien irritiert. Alle saßen dort mit jener beneidenswerten Gelassenheit von Menschen, die offenbar Informationen besitzen, die ich nie erhalten hatte.
In diesem Moment fühlte ich mich ein wenig wie der einzige Gast auf einer Überraschungsparty, der nicht wusste, dass sie für ihn veranstaltet wurde.
„Seit wann ist Jamie im Marketing?“, fragte ich schließlich. Plötzlich entstand diese ganz besondere Art von Stille, die man nur aus Vorstandssitzungen kennt. Es ist keine unangenehme Stille. Es ist eher die Stille von Menschen, die fieberhaft überlegen, wer jetzt eigentlich antworten müsste. Mein ehemaliger Vorstand begann demonstrativ, seine Unterlagen zu studieren. Bis heute bin ich nicht sicher, ob dort überhaupt etwas geschrieben stand. Vielleicht war es auch die Speisekarte der Kantine. Jedenfalls schien sie in diesem Moment ungeheuer interessant zu sein.
Ich erklärte also noch einmal freundlich, dass ich durchaus gesagt hatte, Jamie übernehmen zu wollen. Zusätzlich. Nicht als Ersatz. Nicht anstelle der offenen Position. Sondern zusätzlich. Ich sprach das Wort inzwischen so deutlich aus, dass ich kurz überlegte, ob ich es beim nächsten Mal in Leuchtschrift an die Wand projizieren sollte. Wieder nickten alle. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass Nicken in Unternehmen eine völlig überschätzte Kommunikationsform ist. Es bedeutet keineswegs, dass jemand verstanden hat, was gesagt wurde. Manchmal bedeutet es lediglich: „Bitte hör jetzt auf zu reden. Vielleicht löst sich das Problem von allein.“
Spoiler: Es löste sich natürlich nicht von allein.