Ich bin den Camino de Santiago inzwischen zweimal alleine als Frau gegangen. Wow oder? Sinnsuche oder wie? 2024 war ich vier Wochen auf dem Camino del Norte unterwegs und bin in Bilbao gestartet, 2026 folgte dann der portugiesische Jakobsweg, eine Kombination aus dem Küstenweg und der traditionellen Route ab Porto. Wenn ich heute auf beide Pilgerreisen zurückblicke, muss ich oft über mich selbst schmunzeln, denn besonders beim ersten Mal bin ich mit einer Mischung aus Abenteuerlust, Naivität und völlig falschen Vorstellungen gestartet. Irgendwie hatte ich mir eingeredet, dass der Jakobsweg eine Art ausgedehnter Spaziergang mit schöner Landschaft, netten Menschen und gelegentlichen Herausforderungen wäre. Die Realität sah allerdings deutlich anders aus.
Vor allem am Anfang stand ich permanent unter Spannung. Ich wollte alles richtig machen. Die perfekte Ausrüstung haben, die richtige Route wählen, keine Fehler machen, genug Kilometer schaffen, die schönsten Herbergen finden und gleichzeitig jede einzelne Erfahrung bewusst genießen. Dieser selbstgemachte Druck hat dazu geführt, dass ich viele Situationen viel komplizierter wahrgenommen habe, als sie eigentlich waren. Während andere Pilger scheinbar entspannt ihren Weg gingen, hatte ich ständig das Gefühl, etwas falsch zu machen oder nicht ausreichend vorbereitet zu sein.
Im nachhinein kann ich über viele Situationen nur noch lachen. Über meine Naivität. Manchmal war ich einfach selbst schuld .Soviel muss ich mir schon eingestehen.
Dabei lief natürlich genau das Gegenteil von dem, was ich geplant hatte. Ich bin gestürzt, wurde bestohlen, habe Ausrüstung verloren und mich mehrfach verlaufen. Besonders auf dem Camino del Norte gab es immer wieder Situationen, in denen ich vor Wegmarkierungen stand und nicht wusste, welcher Richtung ich folgen sollte. Gelbe Pfeile, blaue Markierungen, unterschiedliche Hinweise auf Karten-Apps und Wegweisern – manchmal schien alles gleichzeitig in verschiedene Richtungen zu zeigen. In diesen Momenten habe ich gelernt, dass Orientierung auf dem Jakobsweg nicht immer so eindeutig ist, wie viele Reiseführer es darstellen. Mehr als einmal stand ich irgendwo mitten in der Natur und fragte mich, ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg war.
Eine meiner größten Fehleinschätzungen betraf die körperliche Anstrengung. Ich hatte die Höhenmeter vollkommen unterschätzt. In meiner Vorstellung war der Jakobsweg vor allem lang, aber nicht besonders anspruchsvoll. Gerade auf dem Camino del Norte wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Tägliche Anstiege, lange Abstiege und viele Kilometer mit Rucksack auf dem Rücken sind etwas völlig anderes als eine gemütliche Tageswanderung am Wochenende. Es gab Tage, an denen ich erschöpft in einer Herberge ankam und mich fragte, wie ich am nächsten Morgen überhaupt wieder loslaufen sollte. Gleichzeitig waren genau diese Tage oft die Momente, in denen ich am meisten über mich selbst gelernt habe.
Als Frau alleine unterwegs zu sein, wurde vor meiner ersten Reise von vielen Menschen kritisch hinterfragt. Freunde, Bekannte und Familienmitglieder fragten immer wieder, ob das nicht gefährlich sei, ob ich keine Angst hätte oder ob ich mir nicht lieber eine Begleitung suchen sollte. Rückblickend kann ich sagen, dass ich mich auf beiden Wegen überwiegend sicher gefühlt habe. Natürlich gehört gesunder Menschenverstand dazu. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, meine Wertsachen nicht offen herumliegen lassen und mich aus Situationen herausgehalten, die sich unangenehm angefühlt haben. Doch die große Unsicherheit, die viele Menschen mit einer Solo-Pilgerreise verbinden, habe ich persönlich nicht erlebt.
Viel häufiger habe ich Hilfsbereitschaft erfahren. Andere Pilger halfen bei der Orientierung, teilten Essen, gaben Tipps für die nächste Etappe oder motivierten mich an schwierigen Tagen. Gerade als alleinreisende Frau entsteht oft schneller Kontakt zu anderen Menschen, weil man offener auf Begegnungen zugeht. Gleichzeitig hatte ich immer die Freiheit, meinen eigenen Rhythmus zu finden. Wenn ich Gesellschaft wollte, fand ich sie. Wenn ich einen Tag für mich brauchte, konnte ich einfach alleine weiterlaufen.
Eine wichtige Lektion habe ich bereits in den ersten Tagen gelernt: Perfektion spielt auf dem Jakobsweg keine Rolle. Irgendwann wird fast jeder Pilger nass geregnet, verläuft sich, bekommt Blasen, verliert etwas oder erlebt Tage, die nicht nach Plan laufen. Genau diese Unvollkommenheit gehört zum Weg dazu. Viele Probleme, über die ich mich anfangs stundenlang geärgert habe, sind heute die Geschichten, über die ich am liebsten erzähle.
Der zweite Jakobsweg ab Porto fühlte sich deshalb ganz anders an. Ich war entspannter, gelassener und deutlich realistischer in meinen Erwartungen. Ich wusste inzwischen, dass nicht jeder Tag großartig sein muss, damit die gesamte Reise unvergesslich wird. Ich wusste, dass ich Fehler machen würde und dass das völlig in Ordnung ist. Vor allem wusste ich, dass der Jakobsweg kein Wettbewerb ist. Es geht nicht darum, möglichst viele Kilometer zu schaffen oder alles perfekt zu organisieren. Es geht darum, Schritt für Schritt voranzugehen, die Erfahrungen anzunehmen und den eigenen Weg zu finden.
Wenn Du als Frau darüber nachdenkst, alleine den Jakobsweg zu gehen, dann möchte ich Dir vor allem eines mitgeben: Du musst nicht perfekt vorbereitet sein. Du musst nicht jede Eventualität kennen und nicht jede Unsicherheit im Voraus lösen. Respekt vor der Herausforderung ist sinnvoll, Angst sollte Dich aber nicht davon abhalten. Der Jakobsweg wird Dich überraschen, manchmal fordern, gelegentlich frustrieren und immer wieder begeistern. Wahrscheinlich wird nicht alles nach Plan laufen. Vielleicht gerade deshalb wird die Reise am Ende so besonders.
Ich kann dir sagen, warum ich es mache. Ich fühle mich selten so frei. Ich fühle mich selten so stark. Und ich habe selten so viel Zeit nur für mich alleine. Ich kümmere mich den ganzen Tag darum, dass es mir gut geht.
Immer mehr Frauen entscheiden sich heute dafür, alleine zu pilgern. Für viele ist das Pilgern eine besondere Möglichkeit, dem stressigen Alltag zu entkommen, neue Kraft zu tanken und wieder mehr Zeit für sich selbst zu finden. Auf dem Weg können Frauen ihr eigenes Tempo bestimmen, die Natur genießen und sich ganz auf ihre Gedanken und Gefühle konzentrieren. Viele erleben dabei ein neues Gefühl von Freiheit, Selbstvertrauen und innerer Stärke. Gleichzeitig bietet das Pilgern die Chance, neue Menschen kennenzulernen, interessante Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Weg bewusster zu gehen. Gerade deshalb wird das Pilgern als Frau für immer mehr Menschen zu einer wertvollen Reise zu sich selbst.
Immer mehr Frauen entdecken das Pilgern als persönliche Auszeit, die ihnen Freiheit, Selbstfindung und neue Perspektiven auf ihrem Lebensweg schenkt.„Warum immer mehr Frauen den mutigen Schritt wagen und alleine auf Pilgerreise gehen“