Ein Berufsstart mit Folgen: Wenn junge Frauen im Job lernen müssen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen

So habe ich mir meinen Start ins Berufsleben nicht vorgestellt.

Wenn das Bauchgefühl recht hat: Warum Frauen im Job viel zu oft lernen, auszuhalten

Schwierigkeiten von Frauen im Job: Über Bauchgefühl, Angst und den Mut zu gehen

PUHHH. Ein Satz…. so krass.

Der Satz klingt harmlos, fast altmodisch: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
Ich habe ihn gehört, verinnerlicht und lange geglaubt. Gerade am Anfang des Berufslebens. Gerade als junge Frau. Gerade dann, wenn man froh ist, überhaupt eine Chance bekommen zu haben. Es ist so aufregend. Das kribbeln im Bauch. Eine regelrechte Aufbruchsstimmung.

Mein Berufsstart war turbulent. Es war 2008, also fette Wirtschaftskrise. Viele Menschen hatten Angst um ihre Arbeit, Bewerbungen fühlten sich an wie ein Kampf gegen unsichtbare Mauern.

Aber für uns Neueinsteiger, Newbys und Berufsstarter bdeutet es, hallo Kapitalismus. Hallo du grausamme böse Welt da draußen. Lass mich zu dir rein. Denn wenn du keine Ausbildung keinen Platz gefunden hattest, wurde es quasi unmöglich den respekt von anderen noch zu bekommen. Anderen Unternehmen. DIe Zeiten waren sehr sehr hart, und ich war noch nicht mal im Berufsleben angekommen. Ich hatte noch nicht mal einen Fuß drinnen. Schon witzig. Jetzt kann ich drüber schmunzeln. Aber lass dir gesagt sein, Es war nicht geil. Ich hatte damals schon viele viele Ängste.

Ich bekam schließlich einen Job als Rechtsanwaltsfachangestellte. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen. Und ein Teil von mir war das auch. Ich dachte: Jetzt geht es los. Jetzt muss ich beweisen, dass ich belastbar bin. Und Anwalt klingt doch auch toll. Isabel arbeitet jetzt beim Anwalt. Ich bin Rechtsanwaltsfachangestellt. Also werde ich eine Person vom Fach sein. Toll. Alles tutti.

Aber von Anfang an war da dieses komische Bauchgefühl. Nicht laut. Nicht eindeutig. Kein klarer Beweis, den man jemandem auf den Tisch legen kann. Eher ein Druck. Ein inneres Zusammenziehen. Dieses Gefühl, wenn etwas nicht stimmt, aber man sich selbst noch überredet: Stell dich nicht so an. Du bist neu. Vielleicht ist das normal. Vielleicht gehört das dazu. Ich hab das ja auch schon oft erzählt bekommen. Also ist das ja echt gar nicht so schlimm. Ich glaube Frauen kennen dieses Gefühl oft viel zu gut. Aber als junge Frau fühlst du viel. Alles. einfach zu viel und alles.

Wir spüren etwas und zweifeln dann zuerst an uns selbst. Wir merken, dass eine Situation unangenehm ist oder gleich unangenehm chringe wird, und suchen trotzdem nach Erklärungen, die den anderen entlasten. Oder das Bauchgefühl verwirren wollen. Vielleicht war es nicht so gemeint. Vielleicht bin ich empfindlich. Vielleicht muss ich mich erst an den Ton gewöhnen. JAAA. So nämlich. Mein jüngeres Ich. Die junge süße Isabel wusste es nicht besser. Aber immer schön die Schuld bei sich selbst suchen.

Bei mir wurde dieses Gefühl schlimmer.und schlimmer und schlimmer. Wochen zogen ins Land. Montag bis Freitag musste ich da aufkreuzen.

Meine Kollegin war im Urlaub. Ich war neu, unsicher und wollte alles richtig machen. Der Anwalt schickte mich immer wieder los, um Briefmarken zu holen. Erst später, nach etwa zwei Monaten, fand ich heraus, was er in dieser Zeit im Büro tat: Er masturbierte und schaute Pornos. Ist das denn zu glauben.

 

Als mir meine Kollegin das erzählt hatte, hab ich gelacht. Ich dachte erst, sie will mich aufheitern oder lästern, weil er so ein kolerisches Arschloch ist. Und deswegen hab ich es auch verstanden, dass man Menschen in verruf bringt. 

Meine Kollegin sagte irgendwann zu mir: „Wenn die Tür zu ist, geh niemals in das Büro.“Dieser Satz hat sich eingebrannt. Vor allem ist, seit dem alles anders gewesen. In meinem Kopf in meinen Gefühlen. Ich hatte so Angst ihn zu erwischen. Wollte er erwischt werden? Außerdem, hab ich immer gelauscht, ob er telefoniert, ob man was hört. Es hat mich am ganzen Körper geschüttelt. BÄHHHH.

Und dann das Kopfkino? Warum langt er mich an der Schulter an? Windows 98 hatten wir… Es war 2008. grrr. So ein Geizhals. Aber bis es zu den Situationen kam, dass ich mich auf seinen Schreibtischstuhl setzen sollte und dann wurde ich zum Diktat gebeten. Schrecklich!!! bähhh.

Nicht nur, weil er so direkt war. Sondern weil darin alles steckte, was in vielen Arbeitswelten falsch läuft. Die Gefahr war bekannt. Die Regel war nicht: Dieses Verhalten darf nicht passieren. Die Regel war: Du musst lernen, dich darum herumzubewegen. 

Tja Isabel. Du kleine süße Berufsanfängerin. Schau jetzt einfach mal wie du damit umgehst…. Lerne es zu akzeptieren!!!! Mein neues Mantra…

Genau das ist eine der großen Schwierigkeiten, die Frauen im Job haben: Sie sollen funktionieren in Strukturen, die sie nicht schützen.

Sie sollen professionell bleiben, obwohl andere Grenzen überschreiten.
Sie sollen freundlich sein, obwohl ihr Körper längst Alarm schlägt.
Sie sollen dankbar für eine Chance sein, obwohl diese Chance sich jeden Tag enger anfühlt.
Sie sollen aushalten, was niemand aushalten müssen sollte.

Ich erinnere mich an diese Bedrückung. Sie war nicht nur im Büro. Sie kam mit nach Hause. Sie lag morgens schon auf meiner Brust, bevor ich überhaupt losging. Ich versuchte, mir Mut zu machen. Ich sagte mir, dass ich da jetzt durchmuss. Dass Arbeit eben nicht immer schön ist. Dass man am Anfang nicht alles infrage stellen darf.

Heute macht mich dieser Gedanke traurig. So so trauig. Mein junges armes Ich. Ich könnte heulen.

Weil ich weiß, wie viele Frauen genau dort feststecken: zwischen Angst, Scham, Abhängigkeit und dem Wunsch, stark zu sein. Besonders am Berufseinstieg. Wenn man noch nicht weiß, welche Rechte man hat. Wenn man glaubt, ein schlechter Start sei vielleicht die eigene Schuld. Wenn man denkt, man dürfe nicht kündigen, weil man sonst schwach wirkt.

Aber Stärke bedeutet nicht, in einer schlechten Situation zu bleiben.

Stärke kann auch bedeuten, sich einzugestehen: Das hier ist nicht normal.
Stärke kann bedeuten, Hilfe anzunehmen.
Stärke kann bedeuten, zu gehen.

Bei mir war es meine Mutter, die mich mutigerweise dort herausgeholt hat. Sie sah, dass es mir nicht gutging. Wahrscheinlich klarer, als ich es selbst sehen konnte. Ich dachte noch immer, ich müsse durchhalten. Sie verstand: Nein. Musst du nicht.

Sie ist da rein maschiert, hat mich meine Kündigung schrieben lassen und dann war der Spuck auch schon vorbei. Aber bis ich überhaupt mit der Sprache rausgerückt habe. Das hat gedauert. Aber meinte Mutter hatte das nicht akzeptiert.

Und genau das möchte ich jeder Frau jedem jungen Mädel sagen, die in einem Job sitzt, in dem ihr Bauchgefühl täglich lauter wird:

Hör darauf.

Nicht jedes ungute Gefühl bedeutet sofort Gefahr. Aber jedes ungute Gefühl verdient Aufmerksamkeit. Wenn dein Körper sich verkrampft, wenn du dich vor bestimmten Situationen fürchtestest, wenn du dich klein machst, bevor du einen Raum betrittst, dann ist das kein Luxusproblem. Es ist ein Signal.

Frauen im Job kämpfen oft nicht nur mit fachlichen Herausforderungen. Sie kämpfen mit Erwartungen, die sich unsichtbar an sie hängen: Sei nett. Sei belastbar. Sei nicht kompliziert. Mach keine Szene. Sei dankbar. Halte durch.

Aber niemand sollte sich Sicherheit verdienen müssen. Respekt ist keine Belohnung für Fleiß. Grenzen sind kein Sonderwunsch.

Natürlich gibt es gute Teams, faire Vorgesetzte und Arbeitsplätze, an denen Frauen wachsen können. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen Macht missbraucht wird. Und viel zu oft wird Frauen beigebracht, sich daran anzupassen, statt klar zu benennen, was passiert.

Mein Berufseinstieg hätte anders sein sollen. Er hätte mir Vertrauen geben sollen. Stattdessen hat er mir gezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen.

Heute würde ich nicht mehr sagen: „Ich muss da jetzt durch.“

Heute würde ich sagen:
Ich darf gehen.
Ich darf Hilfe holen.
Ich darf mir glauben.
Ich darf Grenzen haben, auch wenn ich neu bin.
Ich darf einen Arbeitsplatz verlassen, der mir Angst macht.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen für Frauen im Job: Nicht alles, was wir aushalten können, müssen wir auch aushalten.

Machtmissbrauch am Arbeitsplatz: Warum Schweigen so gefährlich ist

Machtmissbrauch am Arbeitsplatz beginnt selten mit einem einzigen großen Vorfall. Oft sind es kleine Grenzüberschreitungen, unangemessene Kommentare, einschüchterndes Verhalten oder Situationen, die ein ungutes Bauchgefühl auslösen. Viele Betroffene schweigen zunächst – aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, den Arbeitsplatz zu verlieren oder als „schwierig“ zu gelten. Genau dieses Schweigen macht Machtmissbrauch jedoch so gefährlich. Es schützt nicht die Betroffenen, sondern häufig diejenigen, die ihre Position ausnutzen.

Besonders junge Frauen am Anfang ihrer Karriere geraten oft in ein Spannungsfeld zwischen Anpassung und Selbstschutz. Sie möchten einen guten Eindruck hinterlassen, dazugehören und ihre Chance nicht gefährden. Dadurch werden Warnsignale manchmal verdrängt oder heruntergespielt. Doch wenn unangemessenes Verhalten unwidersprochen bleibt, kann es sich über Monate oder sogar Jahre fortsetzen. Die Folgen reichen von Selbstzweifeln und Angstzuständen bis hin zu langfristigen Belastungen für das berufliche und private Leben.

Deshalb ist es so wichtig, das eigene Bauchgefühl ernst zu nehmen und frühzeitig Unterstützung zu suchen. Niemand sollte sich am Arbeitsplatz unsicher, eingeschüchtert oder bedroht fühlen. Respekt und Sicherheit sind keine Privilegien, die man sich verdienen muss, sondern grundlegende Voraussetzungen für ein gesundes Arbeitsumfeld. Schweigen mag kurzfristig einfacher erscheinen – langfristig kann es jedoch dazu beitragen, dass Machtmissbrauch weiterbesteht.

Meine persönliche Geschichte zeigt, welche Schwierigkeiten Frauen im Beruf erleben können – besonders beim Berufseinstieg. Gerade junge Frauen im Job zweifeln oft an sich selbst, wenn sie ein ungutes Gefühl haben oder sich an einem toxischen Arbeitsplatz unwohl fühlen. Doch das eigene Bauchgefühl ernst zu nehmen, ist wichtig. Sexismus am Arbeitsplatz, Machtmissbrauch im Job oder sogar sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz dürfen niemals verharmlost werden. Frauen und Arbeitswelt bedeutet auch: Grenzen setzen im Beruf, Hilfe annehmen und erkennen, dass man nicht alles aushalten muss. Dieser Beitrag macht Mut, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und sich selbst zu schützen.